Was ist Aztekisches Süßkraut?

Lippia dulcis gehört zur Familie der Eisenkrautgewächse (Verbenaceae). Die Pflanze wächst kriechend bis halbaufrecht, wird 20 bis 40 Zentimeter hoch und bildet kleine, ovale Blätter mit gezähntem Rand. Im Sommer erscheinen winzige, weiße Blütenköpfchen, die an Kleeblüten erinnern.

Der Süßstoff in den Blättern heißt Hernandulcin. Er wurde erst 1985 wissenschaftlich identifiziert und nach dem spanischen Naturforscher Francisco Hernandez benannt, der die Pflanze im 16. Jahrhundert in Mexiko beschrieb. Hernandulcin ist ein Sesquiterpen - chemisch komplett anders aufgebaut als Zucker oder Stevia.

Die Azteken nutzten die Pflanze als Süßungsmittel und Heilpflanze. Sie nannten sie Tzonpelic xihuitl, was so viel wie "süßes Kraut" bedeutet. In der traditionellen Medizin Mittelamerikas wurde sie gegen Husten, Bronchitis und Erkältungen eingesetzt.

Süßer als Zucker - aber wie?

Hernandulcin aktiviert die gleichen Geschmacksrezeptoren auf der Zunge wie Zucker, nur viel stärker. Ein einzelnes frisches Blatt reicht, um eine Tasse Tee zu süßen. Im direkten Vergleich: Ein Blatt Aztekisches Süßkraut ersetzt etwa einen Teelöffel Zucker.

Der Geschmack unterscheidet sich trotzdem von Zucker. Die Süße setzt etwas verzögert ein und hält länger an. Dazu kommt eine leicht kampferartige, minzige Note. Manche beschreiben den Geschmack als eine Mischung aus Süße und frischem Kräuteraroma. Gewöhnungsbedürftig beim ersten Mal, danach angenehm.

Im Vergleich zu Stevia schmeckt Aztekisches Süßkraut natürlicher und weniger bitter. Der metallische Nachgeschmack, den manche bei Stevia wahrnehmen, fehlt hier komplett.

Anbau in Deutschland

Lippia dulcis ist eine tropische Pflanze. In Deutschland überlebt sie den Winter draußen nicht - außer in extrem milden Lagen wie dem Rheingraben oder der Bodenseeregion, und auch dort nur mit Winterschutz. Im Topf funktioniert der Anbau dagegen zuverlässig.

Standort

Sonnig bis halbschattig. Pralle Mittagssonne verträgt die Pflanze gut, solange sie genug Wasser bekommt. Ein Platz auf der Terrasse, dem Balkon oder im Gewächshaus ist ideal. Im Sommer gerne draußen, ab Oktober wieder rein.

Erde und Topf

Lockere, durchlässige Kräutererde. Staunässe vermeiden, die Wurzeln faulen sonst. Ein Topf mit mindestens 20 Zentimeter Durchmesser und Abflussloch reicht für eine Pflanze. Da das Süßkraut kriechend wächst, eignen sich auch flache, breite Schalen oder Balkonkästen.

Eine Schicht Blähton oder Kies am Topfboden sorgt für Drainage. Laut Plantura ist durchlässiges Substrat der Schlüssel für gesunde Lippia-dulcis-Pflanzen.

Gießen

Gleichmäßig feucht halten, aber nicht nass. Im Sommer bei Hitze täglich gießen. Die Pflanze zeigt Wassermangel schnell: Die Blätter werden schlaff und hängen. Nach dem Gießen erholt sie sich aber rasch. Im Winter deutlich weniger gießen, die Erde nur leicht feucht halten.

Düngen

Alle vier Wochen mit einem flüssigen Bio-Kräuterdünger in halber Konzentration. Nicht überdüngen. Zu viel Stickstoff fördert das Blattwachstum, reduziert aber den Hernandulcin-Gehalt - die Blätter werden weniger süß.

Vermehrung

Am einfachsten über Stecklinge. Einen etwa 10 Zentimeter langen Trieb abschneiden, die unteren Blätter entfernen und in feuchte Anzuchterde stecken. Innerhalb von zwei bis drei Wochen bilden sich Wurzeln. Das funktioniert am besten im Frühsommer, wenn die Pflanze aktiv wächst.

Auch Absenker funktionieren: Einen kriechenden Trieb auf die Erde drücken und mit einem Stein beschweren. An der Kontaktstelle bilden sich Wurzeln. Nach ein paar Wochen abtrennen und separat einpflanzen.

Aus Samen ist die Anzucht möglich, aber mühsam. Die Samen sind winzig und keimen unregelmäßig. Stecklinge sind der schnellere und zuverlässigere Weg.

Überwintern

Vor dem ersten Frost den Topf ins Haus holen. Ein heller Platz bei 10 bis 15 Grad ist ideal - ein kühles Treppenhaus, ein ungeheiztes Schlafzimmer oder ein heller Keller. Die Pflanze wächst im Winter kaum und braucht wenig Wasser.

Fällt die Temperatur unter 5 Grad, nimmt die Pflanze Schaden. Frost ist tödlich. Wer keinen kühlen Raum hat, kann das Süßkraut auch bei Zimmertemperatur am Fenster überwintern. Dann wächst es weiter und braucht etwas mehr Wasser und gelegentlich Dünger.

Im Frühjahr, ab April, die Pflanze langsam an die Sonne gewöhnen. Erst ein paar Tage halbschattig nach draußen stellen, dann sonniger. Nach den Eisheiligen darf sie dauerhaft raus.

Verwendung in der Küche

Frische Blätter direkt in den Tee geben. Zwei bis drei Blätter pro Tasse reichen für eine angenehme Süße. Besonders gut in Kräutertees mit Pfefferminze oder Kamille.

Frische Blätter fein hacken und in Obstsalate, Smoothies oder Desserts mischen. Die Süße ist hitzebeständig - du kannst die Blätter auch mitkochen oder -backen. Für einen süßen Sirup eine Handvoll Blätter in heißem Wasser ziehen lassen, abseihen und abkühlen lassen.

Getrocknete Blätter funktionieren ebenfalls. Sie verlieren etwas Aroma, bleiben aber süß. In einem luftdichten Glas aufbewahrt halten sie sich mehrere Monate.

Nicht verwechseln: Aztekisches Süßkraut (Lippia dulcis) ist nicht dasselbe wie Stevia (Stevia rebaudiana). Beide Pflanzen sind natürlich süß, gehören aber zu völlig verschiedenen Pflanzenfamilien. Auch geschmacklich unterscheiden sie sich deutlich - Lippia dulcis hat ein komplexeres Aroma.

Geschichte und Wiederentdeckung

Die Azteken kannten die Pflanze seit Jahrhunderten. Nach der spanischen Eroberung Mexikos geriet sie in Vergessenheit. Francisco Hernandez beschrieb sie zwar 1570 in seinen Aufzeichnungen, aber Europa interessierte sich nicht dafür. Zucker war billig und verfügbar.

Erst in den 1980er Jahren entdeckten Forscher der University of Illinois den Süßstoff Hernandulcin in der Pflanze neu. Sie analysierten den Stoff und stellten fest, dass er bis zu 1.000-mal süßer als Saccharose ist. Trotzdem schaffte es Hernandulcin nie in die industrielle Lebensmittelproduktion. Der Grund: Der Stoff ist chemisch instabil und lässt sich schwer synthetisieren.

Als Gartenpflanze erlebt Lippia dulcis seit einigen Jahren ein kleines Revival. In Kräutergärtnereien und auf Pflanzenmärkten taucht sie immer häufiger auf. Der Reiz: eine Pflanze, die tatsächlich süß schmeckt, ohne Zucker, ohne Chemie.

Gesundheitliche Aspekte

In der Volksmedizin Mittelamerikas wird Lippia dulcis gegen Atemwegserkrankungen eingesetzt. Wissenschaftliche Studien zeigen tatsächlich antibakterielle und entzündungshemmende Eigenschaften der Pflanze. Die Blätter enthalten neben Hernandulcin auch Kampfer und verschiedene ätherische Öle.

Wegen des Kampfergehalts sollte die Pflanze nicht in großen Mengen konsumiert werden. Ein paar Blätter im Tee oder als Süßungsmittel sind unbedenklich. Als Zuckerersatz in normalen Mengen gibt es nach aktuellem Wissensstand keine Bedenken. Schwangere und Kleinkinder sollten sicherheitshalber verzichten, da es keine ausreichenden Studien zu diesen Gruppen gibt.

Kampfergehalt beachten: Aztekisches Süßkraut enthält Kampfer. In kleinen Mengen (Tee, einzelne Blätter) ist das unbedenklich. Große Mengen solltest du nicht konsumieren. Als natürliches Süßungsmittel in Maßen eingesetzt, ist die Pflanze nach Mein schöner Garten unbedenklich.

Wo bekommt man die Pflanze?

Aztekisches Süßkraut gibt es in gut sortierten Kräutergärtnereien, auf Pflanzenmärkten und online. Samen sind schwer zu finden und unzuverlässig in der Keimung. Am besten direkt eine Jungpflanze kaufen und über Stecklinge selbst vermehren. Eine Pflanze reicht für den Anfang - sie wächst schnell und liefert bald genug Material für Stecklinge.